„Das stille Kind“: Filmabend und Diskussion in Heidelberg

Rund 100 Besucherinnen und Besucher kamen zum Film- und Diskussionsabend, zu dem das Heidelberger Selbsthilfebüro gemeinsam mit den beiden Kommunalen Behindertenbeauftragten der Stadt Heidelberg und des Rhein-Neckar-Kreises am 21. Januar 2020 eingeladen hatte. Ganz offensichtlich sprach das Thema „Leben mit Hörbehinderung“ viele Expertinnen und Experten in eigener Sache an: Geschätzt mehr als die Hälfte der Gäste waren selbst betroffen und nutzten die barrierefreie Gestaltung des Abends mit Gebärdensprachdolmetschung, Schriftdolmetschung und Induktionsanlage.

Das Bild zeigt die Teilnehmenden der Podiumsdiskussion mit Moderator Patrick Alberti, im Hintergrund Schriftdolmetschung am Beamer
Podiumsdiskussion zum Leben mit Hörbehinderung mit N. Braun, M. Fertig, P. Alberti, B. Bogner (v.l.n.r., Bild: Heidelberger Selbsthilfebüro)

Dr. Barbara Bogner, Behindertenbeauftragte und Lehrende für Hörgeschädigten-Pädagogik an der PH Heidelberg, führte mit einem kurzen Vortrag über die Chancen und Hürden für Kinder mit Hörbehinderungen in die Thematik ein. Der Oscar-prämierte Kurzfilm „Das stille Kind“ zeigte die vierjährige Libby. Sie ist taub und führt ein stilles Leben ohne Kommunikation, selbst innerhalb ihrer Familie. Die Sozialarbeiterin Joanne bringt Libby die Gebärdensprache bei und macht ihr damit das Geschenk, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten.

Im Anschluss diskutierten Nicole Braun, Sprecherin der Selbsthilfegruppe für Schwerhörige und Ertaubte Heidelberg („Schlappohren“), Markus Fertig, Vertreter des Heidelberger Beirats von Menschen mit Behinderung und Bildungsbeauftragter im Landesverband der Gehörlosen Baden-Württemberg und Dr. Barbara Bogner angeregt unter Beteiligung des Publikums. Im Mittelpunkt stand die Inklusion von gehörlosen Kindern in der Schule und beim Leben in der Gemeinschaft. Nach Dr. Bogners Ansicht zeige der Film eine Situation, die eigentlich nicht auftreten dürfe. Üblich sei, dass Kinder mit einer Hörbehinderung schon frühzeitig gefördert werden. Markus Fertig unterstrich, dass Inklusion nur mit Kommunikation funktionieren könne. Neben der Nutzung von Gebärdensprache in der Schule ging es ihm auch darum, sich offen aufeinander einzulassen. Nicole Braun machte deutlich, dass gute Bedingungen in der Schule alleine nicht ausreichen, denn danach komme das Arbeitsleben mit seinen eigenen Anforderungen. Sie wies auf die technischen Entwicklungen hin, die im Alltag bei Schwerhörigkeit helfen, betonte aber auch: „Wir müssen immer weiter kämpfen.“

Die Aussage von Markus Fertig: „Ich bin nicht behindert, ich werde durch mein Umfeld behindert“ machte deutlich, dass auch 10 Jahre nach Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention noch einige Hürden überwunden werden müssen, um hörgeschädigten Kindern und Erwachsenen dieselben Möglichkeiten zu ebnen wie hörenden Menschen.

Im Rahmen der Veranstaltung wurde auf eine Broschüre für Menschen mit Hörbehinderungen hingewiesen, die erst kürzlich auf Initiative der Behindertenbeauftragten der Stadt Heidelberg erstellt wurde.

(Text und Bilder: Heidelberger Selbsthilfebüro)

Das Bild zeigt Publikum mit zum Applaus erhobenen Händen und im Hintergrund die Teilnehmer der Podiumsdiskussion
Applaus am Filmabend mit Podiumsdiskussion (Bild: Heidelberger Selbsthilfebüro)

Rückmeldungen aus der SHG

N: „Der Film war sehr berührend. Zum Glück habe ich eine andere Kindheit in der Familie erlebt, aber die anschließende Diskussionsrunde zeigte, wie wichtig das Thema Inklusion in unserer Gesellschaft ist.“

L: „Ich fand den Film sehr traurig und konnte mich gut einfühlen in das kleine Mädchen. Die Podiumsdiskussion war interessant, auch wenn die Themen Gehörlosigkeit und das Recht auf Gebärdensprache dominierten, weniger die Schwerhörigkeit. Ich habe mir gemerkt, dass Kommunikation zur Inklusion gehört.“

I: „Im traurigen aber realistischen Schluß des Filmes und in den Worten von Herrn Fertig wurde überdeutlich, wie komplex das Problem ist und daß die “Betroffenen” immer weiter kämpfen müssen. Die größte Schwierigkeit liegt in der Individualität jeder Schwerhörigkeit, deshalb gibt es kein Patentrezept. Die Mitmenschen zu sensibilisieren ist in meinen Augen das Wichtigste.

Kontakt mit der Schulbehörde aufzunehmen, um zu erreichen, dass das Thema Behinderung mehr in die “Erziehungsarbeit” der Schule Eingang findet, wäre vielleicht sinnvoll.

Die Diskussionsleitung von Herrn Alberti habe ich bewundert, zumal er sich plötzlich, durch die Erkrankung von Frau Reiß, in diese nicht einfache Aufgabe versetzt sah.
Der Abend war sehr gut organisiert, unsere Barrieren wurden weitgehend abgebaut. Für mich war es die beste Veranstaltung, die ich bis jetzt zu diesem Themenkreis besucht habe.

R: „Ich habe mich auf die Veranstaltung gefreut, weil ich wußte, dass man induktiv hören kann, dass der Film untertitelt ist und dass mitgeschrieben wird. Das ist für mich traumhaft. Das ist Inklusion. Am Ende des Films hatte ich Tränen. Da wurde mein Leben als Hörgeräteträgerin widergespiegelt. Jetzt trage ich CIs.“

M: „Der Film hat mich sehr an das Buch ‚Augenmenschen‘ von Johanna Krapf erinnert, in dem die Biografie von acht gehörlosen, in der Schweiz lebenden Menschen und ihr Kampf für die Gebärdensprache geschildert werden. Während es die Protagonisten im Buch geschafft haben, gegen alle Widerstände mithilfe der Gebärdensprache ihr Leben zu meistern, scheitert das Mädchen Libby nach einer kurzen glücklichen Zeit mit der Gebärdensprachdolmetscherin Joanne am Unverständnis seiner Familie und der ‚hörenden‘ Mitschüler.

Die anschließende Diskussion befasste sich realistisch mit der Situation der Gehörlosen und Schwerhörigen, die immer noch gezwungen sind, gegen Vorurteile und für ihre Rechte zu kämpfen.

Sehr beeindruckt haben mich, wie schon so oft, die Gebärdensprach- und Schriftdolmetscher, die souverän und scheinbar ohne Schwierigkeiten den Abend begleiteten.“